Reinhard Selten – Deutscher Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Ein persönlicher Nachruf, von Ulrike Leopold-Wildburger

Der Mathematiker und Ökonom Reinhard Selten ist am 23. August 2016 mit knapp 85 Jahren verstorben. Er war bislang der einzige deutsche Forscher, dem der Nobelpreis für Ökonomie verliehen worden war. Das war im Jahre 1994 gemeinsam mit den Kollegen John Nash und John Harsanyi. Die ÖGOR Leserschaft weiß natürlich diese drei Nobel-Laureaten der mathematischen Theorie der Spiele zuzuordnen, wobei insbesondere die Kooperation von John Harsanyi und Reinhard Selten eine Jahrzehnte lange und intensive Zusammenarbeit war, die schließlich als eines der Hauptwerke den Versuch einer vollständigen Axiomatisierung der nicht kooperativen Spieltheorie hervorgebracht hatte. Damit war ein neuer Zugang zu der Welt der strategischen Interaktion zwischen mehreren Entscheidungsträgern eröffnet.

Reinhard Selten hatte sich bereits in den späten 50er und frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts mit dem Gedankengut von John von Neumann und Oskar Morgenstern auseinandergesetzt. Es ist auch nicht verwunderlich, dass sich Reinhard Selten seit den 70er Jahren gerne und immer wieder nach Wien begab. Reinhard Selten verbrachte mit seiner Frau den Sommer 1978 in Wien und hielt am Institut für Höhere Studien einen Sommerkurs ab.

Das Institut für höhere Studien war durch einen äußerst großzügigen Grant der Ford Foundation 1962/63 in Wien gegründet worden und hatte es 1965/66 geschafft, Oskar Morgenstern – Ökonom in Princeton – als dessen Leiter nach Wien zu bringen. Danach folgten Gerhart Bruckmann, Gerhard Schwödiauer und schließlich Anatol Rapoport als brillante Leiter des IHS. Sie alle vermochten die interessantesten Wissenschaftler aus aller Welt nach Wien zu holen, das sich neuerlich als Zentrum geistiger Auseinandersetzungen etablieren musste.

Gemeinsam mit Klaus Ritzberger und anderen hatte ich 1978 Gelegenheit Reinhard Seltens Lehrveranstaltungen über 4 Wochen hinweg als außerordentlicher Skolar am IHS zu besuchen. Es war eine sehr aufregende Zeit, hatten doch damals nur wenige Mathematiker wirklich fundierte Kenntnisse aus dem Gebiet der mathematischen Theorie nicht-kooperativer Spiele.

Innerhalb dieses 4 wöchigen Kurses bekamen die Teilnehmer laufend Gelegenheit, die Denk- und Forschungsweise von Professor Selten näher kennenzulernen – war er ununterbrochen auf neue Ideen und ungewöhnliche Forschungsvorhaben aus. Da kam es schon so manches Mal vor, dass auch an einem Spätnachmittag eine neue Fragestellung aufgeworfen worden war, die eifrige Teilnehmer animierte, so manche nächtliche Stunde der Forschung zu widmen. Allerdings war unsere Überraschung das eine oder andere Mal entsprechend groß, wenn am nächsten Tag unser – von allen bewunderter – Lehrer sich von dieser so mühevoll erarbeiteten, meist unvollständigen Lösung einer gestellten Aufgabe distanzierte, mit der kurzen Bemerkung, dass ein derartiges Problem ja unlösbar sei.

Was aus dieser ersten Begegnung blieb, war der Enthusiasmus und die Begeisterung selbständig neue Probleme insbesondere im Gebiet der ökonomischen Entscheidungsfindung zu suchen und zu lösen. Reinhard Selten nannte es einmal in einem Interview „ein Getrieben- und Gequältwerden von Problemen“. Und diese Suche ließ auch sämtliche seiner Schüler nie ruhen. Die Suche nach den Lösungen derartiger Spielsituationen hatte ihn nie losgelassen, wobei die Verfeinerung des Gleichgewichtspunktes ihm besonders am Herzen lag. So entwickelte er bereits 1965 die Idee, dass der Nash´sche Gleichgewichtspunkt besondere Eigenschaften aufweisen kann – nämlich die Teilspielperfektheit – um als endgültige Lösung in Frage zu kommen. Dabei wird eigentlich „bloß“ die Idee konkretisiert, dass wir in strategischen Interaktionssituationen die Lage von der Auszahlungsseite her betrachten müssen. Der nächste große Meilenstein war das sogenannte Chain Store Paradox, das für mehrere beteiligte Marktteilnehmer Hinweise liefert, sich in Konkurrenzsituationen optimal zu verhalten.

Die Praxisnähe dieser ökonomischen Theorien war Reinhard Selten immer ein großes Anliegen, wobei diese Wurzeln auf seine Zeit in Frankfurt zurückreichen. Bereits in den 60er Jahren wurden an der Universität Frankfurt am Institut von Heinz Sauermann gemeinsam mit den Reinhard Tietz , Otwin Becker und Horst Todt unterschiedlichste Situationen aus der realen Welt im Laboratorium nachgestellt und Lösungen für optimales Verhalten simuliert. Die Idee, dass das Idealbild eines Handelnden durch den homo oeconomicus repräsentiert wird, der bloß an der Nutzen- bzw. Gewinnmaximierung interessiert ist, hat Reinhard Selten sehr früh in Zweifel gezogen.

Darauf aufbauend hat er die Idee der experimentellen Wirtschaftsforschung als einer der Gründer dieser Forschungsrichtung ins Leben gerufen. Heute ist dieses Gebiet der Verhaltensforschung eine erfolgreicher junger Forschungszweig, der auf der Zusammenarbeit zwischen verschiedensten Disziplinen basiert: Neben der Ökonomie und der Psychologie wirken ingenieurwissenschaftliche Disziplinen und Medizin zusammen, um mit technischen Hilfsmitteln unserem Entscheidungsverhalten auf die Spur zu kommen. Viele Wirtschaftsnobelpreise der letzten Jahre tragen diesem Umstand Rechnung.

Reinhard Selten war ein großartiger Wissenschaftler, ein ungewöhnlicher akademischer Lehrer und gleichzeitig versuchte er darüber hinaus einer breiten Vielzahl von Interessen Raum zu lassen: Esperanto als einfache Generalsprache für die Welt verfolgte er ebenso intensiv wie seine botanischen Studien, um zumindest bei seinen oft ausgedehnten Wanderungen über die Mehrzahl der Blumen Bescheid zu wissen. Seine Reisen ließen es erscheinen, als sei er gleichzeitig in der großen Welt unterwegs. Er war – um nur einige Beispiele zu nennen – einer der Initiatoren der regelmäßig stattfindenden Spieltheorietagungen in Stony Brook/USA, Gründer und Mentor einer Vielzahl von Experimentallabors weltweit, insbesondere in China und intensivierte Kooperationen mit Israel genauso wie mit Zell an der Pram.

Dabei hatte er immer eine besondere Vorliebe für Österreich entwickelt. Nach Ende des 2. Weltkriegs war er als Vorschulkind in einem oberösterreichischen Bauernhof in der Nähe von Linz kurzfristig untergebracht worden und diese Erfahrung behielt er sein Leben lang in positiver Erinnerung. Seine Frau und er selbst hegten besondere Vorliebe für die Stadt Wien mit der unkomplizierten Möglichkeit Wanderungen im Voralpenland zu unternehmen.

Als erstes und lange Zeit einziges Ehrenmitglied der ÖGOR ist Reinhard Selten zu nennen; die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft erfolgte sofort nach der Nobelpreisverleihung im Herbst des Jahres 1995 bei der Jahreshauptversammlung, zu der ich nach Wien eingeladen hatte.

Reinhard Selten hat vielerlei Einladungen nach Österreich angenommen und wurde im Mai 1996 auf meine Initiative hin zum Ehrendoktor der Karl Franzens Universität Graz ernannt.

Er hatte die Entscheidung, dass zum ersten Mal der sozialwissenschaftliche Ausschuss des Vereins für Socialpolitik außerhalb Deutschlands nämlich in Österreich seine Tagung abhält deutlich unterstützt. So kam es, dass in den Jahren 2002 und 2003 die Jahrestagungen unter dem Vorsitz von Ulrike Leopold-Wildburger in Graz stattfanden. Dabei gab es auch rege Beteiligung auch Österreichischer ÖGOR-Mitglieder. So hat etwa die damalige Präsidentin Marion Rauner die Gelegenheit genutzt, ausgiebig ihre Notfalls-Simulationen mit Reinhard Selten zu diskutieren.
In all den Gesprächen konnte man seine breite Palette unterschiedlichster Ideen kennenlernen und ausführlich besprechen. Immer kamen von seiner Seite neue Vorschläge, manchmal ziemlich barsch mit dem Hinweis, dass man doch selbst drauf stoßen hätte können. Meines Erachtens regten all diese Kommentare und Diskussionen jeden dazu an, intensiv weiter zu machen und weiter zu forschen, „…denn es gibt ja noch so viele offenen Fragen.“

Wenngleich Professor Selten die notwendigen Dinge des Alltags, wie den wöchentlichen Einkauf und die Versorgung seiner geliebten Katzen mit bewundernswerter Konsequenz regelmäßig zu bewältigten wusste, war er seit dem Tode seiner Frau im Frühjahr 2014 aus dem gewohnten Alltagsleben herausgerissen worden. Er fand nicht mehr die Muse, sich wissenschaftlichen Fragen in seiner gewohnten Umgebung zu widmen. Dennoch kam die Nachricht vom Tode Reinhard Selten überraschend – und somit werden so manche Fragen aus dem Gebiet der Spieltheorie und der Verhaltensforschung auf deren Antworten warten müssen.

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